70 sichtlich bewegte Gäste erlebten den Abend mit Richard Brox, organisiert in einer Gemeinschaftsreihe von St. Elisabeth-Verein Marburg, der Gemeinde Cölbe und dem Büchereiverein – diesmal unterstützt vom Netzwerk Nordhessen.

„Ich bekam noch eine Galgenfrist. Eine Viertelstunde wird es gewesen sein, die sie mir gewährten. Dann musste ich endgültig raus. 21 Jahre war ich alt.“: So beginnt nicht nur das erste Kapitel aus „Kein Dach über dem Leben“ über die erschütternden Erlebnisse des Richard Brox, sondern auch die Lesung des Autors. Mucksmäuschenstille und Betroffenheit unter den 70 Gästen im bis auf den letzten Platz gefüllten Café SALAMANCA – vom ersten Satz an. Es ist auch der Beginn eines fast 30 Jahre langen Überlebenskampfes als Obdachloser: Kurz nachdem auch sein Vater gestorben ist, muss er die Wohnung räumen, vielmehr wird sie geräumt – von Gerichtsvollzieher und Möbelpackern, begleitet von Polizeibeamten – zweieinhalb Zimmer, aber zu groß für einen Sozialhilfeempfänger.

Eine Willkürmaßnahme, wie er Jahre später erst erfährt. Der Sachbearbeiter hätte durchaus einen Spielraum bei seiner Entscheidung gehabt – „Spielraum, welch unpassendes Wort, wenn es um das Dach über dem Kopf geht, um eine Wohnung, um ein Stück Heimat“. Diese kleine Wohnung der Eltern, in die er in all den Jahren im Heim und als jugendlicher Streuner auf der Straße immer wieder zurückgekehrt war.

 „Kein Dach über dem Leben“ – ein Buch, das einer schicksalhaften Begegnung im Jahr 2009 zu verdanken ist. Der Enthüllungsreporter Günter Wallraff holte Brox im Zuge der Recherchen zur ZDF-Reportage „Unter Null – obdachlos durch den Winter“ in sein Team. Wallraff erkannte die Talente seines Mitarbeiters und animierte ihn – nachdem er ihm einen Historiker als Co-Autor vermittelt hatte –, ein Buch zu schreiben. Dafür stellte er Brox zum Arbeiten Wohnraum zur Verfügung. „Ich habe zum ersten Mal erfahren, wie schön eine Wohnung sein kann“, sagt der Mann, der heute möglichst immer bei offenen Türen und Fenstern schläft. Wallraff habe ihm immer wieder geholfen, auch finanziell, „er ist ein Freund geworden“. Entstanden ist ein Buch, über das Wallraff sagt: „Wie viel Kraft hat dieser Mann aufwenden müssen, wie viele Abgründe erneut durchleben müssen, um diese ergreifende Biografie zustande zu bringen!“

Zum Buch:
„Kein Dach über dem Leben“ ist im Rowohlt-Verlag erschienen und nicht das letzte Buch von Richard Brox: Am 14. November erscheint „Deutschland ohne Dach: Die neue Obdachlosigkeit“ – mit einem Vorwort von Günter Wallraff.

Was Richard Brox wünscht und fordert:
Von der Politik wünscht sich Richard Brox, dass jeder Mensch ein Recht auf Arbeit und Wohnen habe hat, „nicht nur in einer Notschlafstelle“.
Dazu gebe es drei Wege, vor allem für Obdachlose:

  • Resozialisierung, Wohnraum schaffen
  • Rehabilitation, Gesundung fördern
  • Reintegration, in die Gesellschaft eingliedern

Bestseller-Autor Richard Brox

Nun stand er auf der Straße – zwei Tüten mit Habseligkeiten in der Hand, landet anschließend im Obdachlosenheim, wo ihm während einer Nacht im Schlafsaal für 20 Obdachlose auch noch der letzte Rest an Hab und Gut aus dem bisherigen Leben gestohlen wird. Richard Brox steht am „Beginn eines 30-jährigen Krieges“, wie er selbst seine Zeit auf der Straße beschreibt, „hier herrscht Faustrecht“.

Mehr als das erste Kapitel aus seinem Buch will und kann der sichtlich bewegte Autor nicht lesen. Zu nahe gehen ihm die weiteren Kapitel seiner autobiografischen Geschichte, die er zwar in seinem Buch erzählt, aber sie einfach nicht vortragen kann. Eine Autobiografie, bei der er kein Blatt vor den Mund nimmt, bei der alle Fakten noch mal überprüft worden sind – bis hin zum Nachweis, dass Vater und Mutter Konzentrationslager überlebt haben.

Brox will kurz Pause machen, dann mit den Gästen ins Gespräch kommen. Doch die sind von Lesung und Erzählungen des Autors so bewegt, dass sie mehr wissen wollen über diesen besonderen Menschen, seine Lebensgeschichte und für was er sich einsetzt – ohne Unterbrechung.  Frage um Frage wird beantwortet, dabei wird deutlich, wie sehr er gegen jede Form von Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung aufbegehrt, dass es ihm darum geht, Armut und Obdachlosigkeit in unserer Gesellschaft zu überwinden.

Doch Brox begehrt nicht nur auf, er betreut alte, schwerkranke Obdachlose, träumt von einem Hospiz-Hotel für sie. „Wer schwerkrank und obdachlos ist, stirbt früher“, beschreibt er eindringlich die Notwendigkeit, „der stirbt freiwillig“, sagt er offen zur hohen Selbstmordrate.

Und er sammelt auch Spenden für seine Unterstützung, in die auch Tantiemen aus seinem Buch fließen. An diesem Abend war es am Ende ein dreistelliger Betrag – „ich bin sprachlos vor Rührung“, sagt der Mann, der sich für jede freundliche Geste ihm gegenüber bedankt.

Wenn ihn, den Sohn eines Sinto und einer Jüdin, jemand fragt: „Was bist Du eigentlich?“, antworte er: „Ich bin Agnostiker – auf der Suche nach Gott. Aber ich habe ihn noch nicht gefunden. Vielleicht findet er ja mich, er weiß ja, wo er suchen muss.“ Und was er selbst noch finden mag? „Meine Form der Heimat, meinen Seelenfrieden.“

Obdachlosigkeit als Thema:

Dr. Jens Ried, Bürgermeister der Gemeinde Cölbe, machte in seiner Begrüßung die Bedeutung des Themas für Städte und Gemeinden deutlich, dass „dies nicht mehr nur die großen Städte betrifft. Die Kommunen sind an erster Stelle verantwortlich dafür, Obdachlosigkeit abzuwenden. Auch in kleineren Kommunen vergeht kaum ein Tag, an dem wir uns nicht mit fehlendem Wohnraum, Hilfeersuchen, Betreuungsfragen, Räumungen, Unterbringungsmöglichkeiten etc. befassen. Obdachlosigkeit ist ein weites Feld und hat viele Gesichter.“ Das legen auch die Zahlen des erstmals Ende 2022 von der Bundesregierung erstellten Berichtes zu Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland nahe: Rund 263.000 Menschen sind demnach ohne eigene Wohnung, davon leben rd. 39.000 dauerhaft auf der Straße. Und: Es gibt Anzeichen dafür, dass diese Zahlen derzeit steigen.

„Ich wünsche mir, dass wir gemeinsam die komplexe Herausforderung aus Wohnraummangel, Obdachlosigkeit, Armut, fehlender sozialer Kohäsion und Vereinsamung angehen – indem wir uns vernetzen und für konkrete Fragen konkrete Lösungen entwickeln.“