Valeria Anselm während der Lesung im Café SALAMANCA | Foto von Jürgen Jacob

„Das ist (nicht) mein Zuhause“: Bewegende Lesung mit Valeria Anselm über ihr Buch über ihr Aufwachsen in einer Wohngruppe

„Alles, was ich wollte, war ein Zuhause. Alles, was ich bekam, war ein Platz in einer Wohngruppe, in der Menschen ein- und ausgehen, so wie es ihnen gefällt“: Valeria Anselm trifft mit ihrem Buch nicht nur den Nerv der Leser*innen, sondern mit ihren Lesungen auch den der Zuhörer*innen. 27 sind es mittlerweile seit Januar, darunter eine jüngst im Café SALAMANCA. Und am Ende sind 30 Zuhörer*innen nachdenklich, bewegt, mitgenommen, aber irgendwie auch hoffnungsvoll: Denn sie macht mit einer einfachen Forderung Mut: „Redet weniger über professionelle Distanz. Und mehr über professionelle Nähe.“

Valeria Anselm war elf Jahre alt, als sie in eine betreute Wohngruppe zog – auf eigenen Wunsch. Acht Jahre später beschloss sie, ihre Erfahrungen zu Papier zu bringen – als „Abschiedsgeschenk“ für ihre Mitbewohnerinnen und diejenigen, die nach ihr dort leben würden. Aus dem Brief ist ein Buch geworden, in dem sie Kindern eine Stimme gibt, die sonst kaum gehört werden. Und sie bewegt Erwachsene nicht nur, sondern bringt sie auch teilweise zum Weinen.

In den Computer getippt hat Valeria Anselm ihr Buch in zwei Wochen in den Sommerferien. „Das ist (nicht) mein Zuhause“ heißt es und ist 2022 erschienen, mittlerweile ist die 3. Auflage gedruckt. Ihr Buch wirkt nach, denn Valeria Anselm will Kindern Mut machen, die genauso wie sie in eine Wohngruppe ziehen wollen oder müssen. Und sich dort erst einmal verloren fühlen. Um nicht nur diesen Kindern mehr Aufmerksamkeit und Gehör zu verschaffen für das, was sie bewegt, hat sie ihre eigene Geschichte aufgeschrieben.
Viel Kritik am Jugendhilfesystem und an dem ihrer Meinung nach viel zu niedrigen Personalschlüssel steckt in dem reflektiert geschriebenen Text. Kaum auszuhalten sei es, wenn die Betreuerinnen so oft wechseln und in der Gruppe ständig jemand ein- oder auszieht.
Und bei den Lesungen wie im Café SALAMANCA vermittelt sie Kernbotschaften: „Redet nicht über die Kinder und Jugendlichen, sondern mit ihnen“ – und vor allem: „Gebt ihnen Liebe!“

„Aufmerksamkeit“ lautet der Titel eines der Kapitel, in dem sie eindrücklich schildert, wie es ist, wenn die Lieblingsbetreuerin nicht einfach bleiben und zuhören kann, wenn es einem schlecht geht. Weil es immer noch andere Mädchen gibt, die sich noch elender fühlen. Oder die zumindest lauter auf sich aufmerksam machen.

„Die WLAN-Revolution“, so heißt das Lieblingskapitel von Ulrich Kling-Böhm, Vorstand des St. Elisabeth-Vereins, der während der Lesung berichtete, wie sehr ihn das Buch schon beim Lesen vor der Lesung mitgenommen habe. Weil sie nachwirken wolle mit ihrer autobiographischen Geschichte, gestattete Valeria Anselm auch, dass dieses Kapitel auf der Homepage des Vereins veröffentlicht werden darf.
„Im Mai hast Du eine Lesung bei der Fortbildungsreihe „Abenteuer Leben! Careleaver: Wege neu bestreiten“ gehalten, die meiner Kollegin Gabriela und mir sehr gut gefallen hat. Wir haben überlegt, ob Du nicht auch bei uns im Verein eine Lesung machen könntest …“: Diese Mail von Johanna Rink, Pädagogin beim St. Elisabeth-Verein Marburg, an Valeria Anselm war der Auslöser für diese besondere Lesung im Café SALAMANCA. Dort ist das Buch übrigens ausgelegt und kann gelesen werden. Zudem sind weitere Exemplare gekauft worden, die von den Geschäftsbereichen der Kinder-, Jugend- und Familienhilfen über die Öffentlichkeitsarbeit erhältlich sind.

Valeria Anselm | Foto von Jürgen Jacob

Übrigens: Auszeichnung mit Jugenddiakoniepreis
Bei den vom Diakonischen Werk Württemberg, dem Evangelischen Jugendwerk in Württemberg und den Zieglerschen ausgelobten Jugenddiakoniepreisen ging in der Altersklasse der 18- bis 27-Jährigen der erste Preis an Valeria Anselm, „die mit ihrem autobiographischen Buch und ihren Lesungen auf die Situation junger Menschen, die außerhalb ihrer eigenen Familie aufwachsen, aufmerksam macht“.

KAPITEL 5B
DIE WLAN-REVOLUTION

Es gibt so vieles, was in dem Jugendhilfesystem falsch läuft. Aber es gibt auch Erfolgsgeschichten aus den ganzen Jahren. Da wären wir wieder beim Aktivismus. Ein System ist nur solange stabil, solange es unterstützt und getragen wird. Seit einigen Jahren gibt es eine Organisation, die sich Careleaver nennt. Das sind Menschen, die in irgendeiner Form mal in der Jugendhilfe gelebt haben und dann erwachsen geworden sind und die Hilfe verlassen haben. Sie haben mittlerweile ein ganzes Netzwerk aufgebaut und unterstützen sich gegenseitig und bieten Projekte für Kinder und Jugendliche, die in derselben Situation sind oder auf dem Weg sind, die Hilfe zu verlassen. Ich will nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich wusste ganz lange nicht, dass es so etwas gibt. Für mich war das Thema Jugendhilfe in der Welt außerhalb der WG nämlich einfach nicht da. Gefühlt wusste niemand etwas darüber und niemand redet gerne über seine Vergangenheit im Heim, also wusste ich auch nicht wo und wie viele es gab, die auch so oder so ähnlich aufgewachsen sind wie ich. Und ich wusste auch nicht, dass es da ein ganzes Netzwerk gibt, an das ich mich wenden kann, wenn ich irgendwann mal ausgezogen bin.

Auf jeden Fall haben Menschen, die bereits zu den Careleavern gehören, aber auch Jugendliche und sogar Erwachsene, die in dem System arbeiten, gegen die 75 % Regel protestiert. Sehr lange. Aber jetzt wurde sie geändert und wir müssen „nur noch“ 25 % abgeben. Immer noch zu viel, aber es ist immerhin ein Anfang und es zeigt vor allem: Wandel ist möglich. Auch in einem veralteten System wie der Jugendhilfe.

Meine persönliche kleine, aber erfolgreiche Revolution war die WLAN-Revolution. Als ich 2015 in die WG kam, gab es kein WLAN in dem Haus. Dafür gab es einen PC, der den Mädchen zur Verfügung stand und über einen Server vom Träger betrieben wurde. Kurz gesagt war der Server genauso veraltet wie das System und der PC somit zu nichts zu gebrauchen. Mit elf Jahren und gerade von Zuhause ausgezogen, hat es mich nicht so sehr interessiert ob es WLAN gab. Ich hatte weder Instagram noch Snapchat oder irgendwelche anderen Apps, wegen denen ich aufs Internet angewiesen gewesen wäre und Online-Schooling gab es damals auch noch nicht. Aber ich glaube die Debatte, dass wir WLAN fürs Haus brauchen, gab es damals schon. Mit der Zeit wurde das Thema WLAN auch für mich immer wichtiger und als es für uns quasi unmöglich wurde, unsere Schulaufgaben zu erledigen, weil sie am PC oder übers Internet gemacht werden mussten, war ich ziemlich genervt von dem ganzen Thema. Zuerst trugen wir unser Anliegen in Form von mündlichen Beschwerden bei der Hausleitung vor, dann sammelten wir Unterschriften im ganzen Haus und schrieben Mails an die Abteilungsleitung. Diese nahm uns einerseits ernst, vertröstete uns aber auch immer wieder. Im Sommer 2018 war es dann soweit und es wurde gebohrt und renoviert, denn unser Haus ist so alt, dass erstmal Leitungen gelegt werden mussten, damit es überhaupt einen Zugang zum WLAN geben konnte. Am 26. August 2018 hängte ich einen Zettel an den Schrank im Büro, auf dem stand, dass dies der Tag wäre, an dem unsere Wohngruppe im 21. Jahrhundert angekommen sei. Leider hielt die Freude nur kurz, denn mit dem WLAN kamen dann neue Probleme. Zunächst gab es Schwierigkeiten beim Einloggen, mit der Stabilität der Verbindung und bei der Funktionstüchtigkeit des WLANs im Allgemeinen. Diese Schwierigkeiten gibt es noch heute und niemand weiß so genau, warum. Das WLAN ist ein Dauerthema geworden und hat mich und andere, vor allem während Lockdown-Phasen I-III, sehr viele Nerven gekostet. Irgendwann im Frühjahr kamen die Betreuerinnen aufgrund von ein paar Vorfällen auf die glorreiche Idee, die WLAN-Router bzw. Verstärker nachts immer auszustecken, damit die Mädchen nicht die ganze Nacht im Internet abhingen. Dann gingen die Verstärker kaputt und es dauerte ewig, bis diese repariert waren. Dafür gab es dann eine Internetsperre ab 23 Uhr und die Verbindung schaltete sich nachts von selbst ab. Kein Problem, werden sich ein paar Erwachsene jetzt denken, die Kinder sollen nachts doch sowieso schlafen. Theoretisch schon und theoretisch habe ich damit kein Problem. Aber das war während des Lockdowns, während es keine wirkliche Ablenkung vom Lagerkollaps gab, außer Serien zu schauen. Vor allem, wenn du den ganzen Tag damit beschäftigt bist, Schulaufgaben zu machen und nachzuarbeiten, weil du vormittags wegen der miserablen Internetverbindung fünfhundert Mal aus der Moodlesitzung rausgeworfen wurdest. Wenn du dann abends Serien schauen möchtest, um dich abzulenken während irgendeine deiner Mitbewohnerinnen wieder ausrastet, dann finde ich es völlig legitim zu sagen, dass das WLAN auch nach 23 Uhr noch funktionieren sollte. Auf jeden Fall war das ganze Haus genervt. Vom WLAN im Allgemeinen, aber auch davon, dass alle im ganzen Haus die Konsequenzen dafür tragen mussten, dass es zwei Mädchen gab, die sich nicht an die Regeln hielten. Also streikten wir. Wir malten ein riesengroßes Banner mit „Wir brauchen WLAN“ und hingen dieses vor die Bürotür des Hausleiters. Dann schrieben wir eine Beschwerde und ließen alle Kinder und Jugendliche im Haus unterschreiben. Wir schrieben eine Art Pressemitteilung in der wir erklärten, was wir taten und warum und ich schickte die Mitteilung an alle Mitarbeiter*innen, die ich bei unserem Träger kannte. Sämtliche Abteilungsleitungen und auch der Vorstand bekamen diese Mail, in der unter anderem angekündigt war, dass wir in einen Schulstreik treten würden. Das taten wir noch am selben Morgen. Es war zwar nur eine Schulstunde, in der unser WLAN teilweise wirklich nicht funktionierte bzw. der Moodleserver in der ganzen Stadt nicht ging, aber das musste ja der Vorstand nicht wissen. Wir saßen also ganz entspannt in der Küche, machten Pancakes und diskutierten mit unserer Betreuerin, die uns erklärte, dass es nichts bringen würde, wenn wir jetzt absichtlich noch mehr Unterricht verpassten. Danach setzte sie sich zu uns und aß mit. Wider ihrer Worte, brachten all die Aktionen sehr wohl etwas. Wenige Wochen später wurde ein Zugang zum WLAN eingerichtet, der auch nach 23 Uhr noch funktionierte und alle über 16 bzw. alle, die mit dem WLAN verantwortungsbewusst umgehen konnten, bekamen den Zugang dazu. Es wurde auch versucht das WLAN im Allgemeinen wieder zum Laufen zu bringen, aber wie gesagt, da weiß einfach niemand so genau, was das Problem ist. Aber was ist die Devise aus dieser Geschichte? Ich habe selber nicht daran geglaubt, dass sich etwas verändern würde durch unseren Protest. Ich war vor allem wütend zu dieser Zeit und wollte dies auch kundtun. Dass wir wirklich etwas erreicht haben, zeigt aber, dass es sich durchaus lohnt, auch konstant dranzubleiben an den Themen, die wichtig sind. Denn all die Erwachsenen, die in der Jugendhilfe arbeiten, haben so viel zu tun, dass sie oft vergessen, was wichtig ist oder unsere Sichtweise nicht mitdenken, aber wir können sie daran erinnern.

Das System. Das System und ich werden keine Freunde werden. Aber ich habe mich damit arrangiert. Mit einer Mischung aus Protest und Akzeptanz. Und manchmal auch mit ein paar Wegen, die ich um das System herumgegangen bin. Ich habe Menschen um mich, die genauso gut wie ich wissen, dass manche Regeln nicht sinnvoll sind. Es gibt Betreuerinnen, zu denen habe ich immer noch Kontakt, obwohl sie schon lange gekündigt haben. Und zum Glück, steht neben unserem Haus ein großes Architekt*innenbüro, in dem öfter mal lange und ausgiebig gefeiert wird. Wir beschweren uns aber nie, denn immerhin spenden sie auch regelmäßig für uns. Diese Architekt*innen haben mir in den letzten Jahren vermutlich mehr ermöglicht als der Staat, aber immerhin war ich auf diversen Klassenfahrten und konnte mir ein Kleid für meinen Abschlussball kaufen. Es gibt immer einen Weg. Auch in diesem blöden System. Und ich hasse es so aufrichtig, wie ich eben etwas hassen kann. Denn es hat mich so viel gekostet, es hat mir sehr viel genommen und es trägt nicht gerade zu meinem Wohlergehen bei. Es verhindert so vielen Kindern und Jugendlichen das geben zu können, was sie brauchen. Aber andererseits frage ich mich, ob ich wohl jemals Aktivistin geworden wäre, wenn ich nicht in diesem System der Jugendhilfe aufgewachsen wäre.

„You’re never too small to make a difference“
– Greta Thunberg

Das ganze Buch gibt es im Printformat wie digital unter: www.walhalla.de