Anlässlich des diesjährigen Protesttags zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen am 5. Mai fand in den Räumen von OIKOS in der Wagnergasse in Treysa eine besondere Lesung statt. Im Mittelpunkt stand die OIKOS-Klientin Jasmin Wetter, die erstmals Texte aus ihrem entstehenden Buch „SuchtSehntSich“ präsentierte – ein Werk, das tief in ihre eigene Lebensgeschichte eintaucht. 

Jasmin Wetter verarbeitet in ihrem Manuskript persönliche Erfahrungen mit Gewalt, Sucht und den langfristigen Auswirkungen auf ihre psychische Gesundheit und ihren Lebensweg. Dass sie sich entschieden hat, diese sehr persönlichen Inhalte öffentlich zu teilen, zeugt von großem Mut. „Ich war nicht die, die man sich anhört. Ich war die, über die man spricht“, beschreibt sie eindrücklich ihre Vergangenheit – eine Vergangenheit, die lange vom Schweigen geprägt war. Mit ihrer Lesung setzt sie ein bewusstes Zeichen dagegen:

„Nicht, weil ich alles verarbeitet habe – sondern weil ich die richtigen Worte gefunden habe.“

Die vorgetragenen Texte waren kurz, atmosphärisch dicht und von großer emotionaler Intensität. Sie stammen aus unterschiedlichen Lebensphasen und greifen Themen wie Kindheit, den Einstieg in die Sucht und Erfahrungen häuslicher Gewalt auf. Dabei las Jasmin Wetter aus der Perspektive ihres Alter Egos „Milly“, wodurch eine besondere erzählerische Distanz und gleichzeitig große Nähe entstand.

Für die Autorin war es die erste Veranstaltung dieser Art – und sie wurde von den rund 20 Teilnehmenden mit großer Aufmerksamkeit und Respekt begleitet. Die Zuhörenden verfolgten die Lesung konzentriert und ließen sich auf die eindringlichen Schilderungen ein. Im anschließenden Publikumsgespräch, das fast 45 Minuten dauerte, entwickelte sich ein intensiver Austausch. Viele Gäste teilten eigene Erfahrungen und Gedanken, wodurch ein Raum der Begegnung auf Augenhöhe entstand. Auch nach dem offiziellen Teil suchten mehrere Besucherinnen und Besucher das persönliche Gespräch mit Jasmin Wetter – ein Zeichen dafür, wie sehr ihre Worte berührt haben. Noch vor Ort erhielt sie zudem eine weitere Anfrage für eine Lesung.

Die Veranstaltung fand im Kontext des Protesttags statt, der in diesem Jahr unter dem Leitsatz „Menschenrechte sind nicht verhandelbar“ steht. Jasmin Wetter griff diesen Gedanken auf und betonte:

„Inklusion ist mehr als Rampen und Aufzüge. Inklusion bedeutet auch, Menschen ernst zu nehmen, deren Wunden man nicht sehen kann. Und ich wünsche mir, dass wir anfangen, genauer hinzusehen. Auch da, wo man erstmal gar nichts sieht.“

Gerade psychische Erkrankungen seien häufig unsichtbar und würden daher oft unterschätzt oder infrage gestellt. Ihre Lesung machte deutlich, wie wichtig es ist, genauer hinzusehen und Betroffenen zuzuhören.

Seit etwa drei Jahren wird Jasmin Wetter im Rahmen der Eingliederungshilfe von OIKOS im Bereich Leben und Wohnen unterstützt. Über ihre Bezugsmitarbeiterin Sandra Paul sagt sie: „Ich darf bei ihr einfach sein. Sie unterstützt mich so, wie es für mich passend ist – immer auf Augenhöhe, immer empathisch und immer mit ganz viel Sonne und Hoffnung.“ Diese Unterstützung trägt dazu bei, dass sie ihren Weg weitergehen und ihre Geschichte heute selbstbestimmt erzählen kann.

Die Lesung „SuchtSehntSich“ hat eindrucksvoll gezeigt, welche Kraft in persönlichen Geschichten liegt. Sie eröffnet Perspektiven, baut Vorurteile ab und lädt dazu ein, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebensrealität wahrzunehmen. Gerade vor dem Hintergrund aktueller Diskussionen um Einsparungen im Gesundheitswesen wird deutlich, wie wichtig der Zugang zu Unterstützung und Therapie ist. Fortschritte in der Teilhabe dürfen nicht gefährdet werden – denn Teilhabe ist kein Luxus, sondern ein grundlegendes Menschenrecht.

Jasmin Wetter, die am 9. Mai ihren 42. Geburtstag feiert und in Gudensberg lebt, hat mit ihrer ersten Lesung einen wichtigen Schritt gemacht – für sich selbst und für mehr Sichtbarkeit und Verständnis in der Gesellschaft.

Text: Markus Balkenhol und Tonia Pöppler