Bewegte Lebensgeschichten junger Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und in Deutschland ein neues Leben aufgebaut haben und ein Konzert mit handgemachter Rockmusik zur Eröffnung einer Ausstellung – passt dies zusammen?
Die Flüchtlingshilfe Gladenbach und die heimische Band „Uhlenbrock Projekt“ stellten im Gladenbacher „Haus des Gastes“ unter Beweis, dass es durchaus passen kann. Zumindest, wenn man sich darauf einlässt, mehr über Leben, Flucht und Neuanfang in neuen Kulturen von jungen Menschen auf der einen Seite und mal melancholische, mal temporeiche handgemachte Musik vom mit tiefgreifenden Geschichten, die auch das Leben schrieb, auf der anderen Seite, zu hören, sehen und mitzuerleben.
Die vom St. Elisabeth-Verein mitinitiierte Wanderausstellung „Vom Flüchtling zum Nachbarn – Portraits gelungener Integration“ ist bis zum 9. Mai im Foyer des Gladenbacher „Haus des Gastes“ zu sehen und kann dort während der Öffnungszeiten des Hauses kostenlos besichtigt werden.
Acht Menschen, die in den Jahren 2015/16 aus ihren Heimatländern nach Deutschland kamen und nun allesamt Ausbildungen gemacht, Familien gegründet und durch ihre Arbeit Beiträge in die Sozialsysteme zahlen, berichten in Statements eindrücklich von ihren Fluchterlebnissen.
Carmen Pflug von der Flüchtlingshilfe Gladenbach zeigte sich anlässlich der Eröffnung der Wanderausstellung erfreut, damit einmal mehr zu verdeutlichen, was man auch in Gladenbach erlebt: „Es ist uns eine große Ehre, dieses einzigartige Projekt mit gelungen Integrationen nun auch den Menschen hier im Hinterland zu präsentieren.“
Die Ausstellung „Vom Flüchtling zum Nachbarn“ widmet sich den Lebenswegen junger Menschen. Sie waren vor einigen Jahren vor Krieg und Gewalt aus ihrer Heimat geflüchtet und hatten sich auf eine lange und gefährliche Reise begeben. Als unbegleitete minderjährige Ausländer kamen sie nach Deutschland und haben hier vieles erlebt und sich integriert.
In den Jahren 2023/2024 wurde die Porträtierten befragt, wie es ihnen mittlerweile geht. Dazu sind Bildtafeln und Interviews entstanden. Sie erzählen vom Weggehen und Ankommen, von Heimweh und neuer Heimat, von Träumen und Zielen und wie sie diese erreicht haben.
Die Wanderausstellung ist ein Gemeinschaftsprojekt des Caritasverbands Wetzlar/Lahn-Dill-Eder, dem Deutschen Roten Kreuz Kreisverband Dillkreis und des St. Elisabeth-Vereins mit dem Kinderkulturzentrum (Kikuz) Herborn. Unterstützt wird die Aktion in Gladenbach von der Volkshochschule Marburg-Biedenkopf und der Stadt Gladenbach.
Steffi Scheffer-Thielmann, Pädagogin beim St. Elisabeth-Verein, berichtete bei der Eröffnung, dass in den Jahren 2015/16 hessenweit knapp 13.000 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eingereist waren und die meisten von ihnen in Wohngruppen der Jugendhilfe betreut wurden: „Diese Arbeit hatte immer wieder Neues uns Unterwartetes, aber es machte unsere Arbeit nicht nur spannend, sondern auch unglaublich bereichernd.“
Muhyadin Abdilahi Abdi kam 2015 als 16-Jähriger aus Somalia. „Damals hatte der IS („Islamische Staat“) versucht, mich zu rekrutieren – aber ich wollte doch nicht töten, sondern Menschen helfen“, berichtete er den Besuchern in Gladenbach eindrücklich. Nach sechs unmenschlichen Monaten Flucht, in denen er oft das Gefühl bekam, nichts wert zu sein und auf sich alleine gestellt zu sein, kam er in Deutschland an. Die Bürokratie in Deutschland machte ihm zu schaffen: „Ich wollte Termine alleine machen und selbständig leben.“ Aber bevor dies gelang, gab es viele Hürden. Während viele geflüchtete Menschen aufgrund traumatischer Erlebnisse bis heute psychische Probleme haben, hat sein Vertrauen auf das Gute Abdi geholfen. Heute lebt es in Neuss am Rhein und geht als gelernter Erzieher einer Beschäftigung in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung nach.
Auf die Frage, was er neben seiner Familie am meisten vermisse, sagt er: „das gewohnte Essen.“
Manche, in Deutschland typische Speisen, mag er bis heute noch nicht, „aber ein Brot mit Wurst esse ich mittlerweile auch sehr gerne.“
Wer mehr über Abdi und seine Geschichte erfahren will, sollte sich schon jetzt Samstag, den 9. Mai vormerken. Da wird es einen Workshop geben, in dem noch detaillierter auf Flucht und Ankommen eingegangen wird. Genaue Zeit und Ort gibt die Flüchtlingshilfe noch bekannt.
Facettenreiche Kompositionen und tiefgehende Texte sowie ein lebendiger und bodenständiger Singer-Songwriter-Rock sind die Markenzeichen der 2018 gegründeten Marburger Formation „Uhlenbrock Project“. Hauptsächlich Stücke aus der Feder von Bandgründer und Namensgeber Timo Uhlenbrock, die musikalisch auch mal an Tom Petty oder R.E.M. erinnern, kennzeichneten das Programm. Dazu Texte aus dem Leben und mit „Colors“ und „Stop Falling“ gleich zwei Live-Premieren von Songs die vor wenigen Wochen auf den Streaming-Portalen erschienen sind.
Neben Timo Uhlenbrock (Gesang, akustische Gitarre) sorgten Thorsten Dittmar (Saxophon, Klarinette, Background-Gesang), Daniel Weis (Keyboards, Synthesizer), Jan Krähe (Schlagzeug, Percussion), Robert Powilleit (Bass) und Andreas Kraus (E-Gitarre, Background-Gesang) für einen kurzweiligen Abend, bei dem am Ende auch manch einer aus sich rauskam. Und als zum Abschluss der Westernhagen-Klassiker „Freiheit“, der ebenso wie zahlreiche andere Lieder des Abends, passend zum Thema ausgewählt wurde, erklang, hielt es niemanden mehr auf den Plätzen.
Titelbild:
Carmen Pflug (links) und Ingo Schneider (2. v. rechts) vom Organisationsteam Flüchtlingshilfe Gladenbach freuen sich, dass Muhyadin Abdilahi Abdi (2. v. links) und Pädagogin Steffi Scheffer-Thielmann bei der Ausstellungseröffnung von ihren Erlebnissen berichteten. (Fotos: Jürgen Jacob)